Darf Geschichte fliegen?

Vom Gibson Girl, einem Aufschrei und der Frage, wem die Vergangenheit gehört

Es gibt Dinge, bei denen man in der Drachenszene besser zweimal überlegt, bevor man sie anfasst.
Ein historischer Drachen gehört definitiv dazu.
Und wenn dieser Drachen dann auch noch ein Gibson Girl ist, wird es richtig interessant.
Denn kaum hatte der bekannte Drachenbauer, Drachendesigner und Windkünstler Rainer Hoffmann aus Husum seinen neuesten Drachen vorgestellt, ging in Teilen der historischen Drachenszene offenbar die Alarmanlage los.

Historiker gegen Künstler.
Original gegen Moderne.
Aluminium gegen Carbon.
1940er gegen 2026.

Kurz gesagt: Der Drachen fliegt – und die Gemüter gehen hoch.

Ich muss gestehen: Ich finde das ziemlich spannend.

Und ich finde Rainers Idee ziemlich gut.

Keep Your Hands Off the Original?

Kites, Heritage Guardians and the Art of Thinking Forward

There are certain things in the kite world that you really should think twice about before touching.
A historic kite is definitely one of them.
And if that kite happens to be a Gibson Girl, things get really interesting.
Because barely had renowned kite builder, kite designer and wind artist Rainer Hoffmann from Husum unveiled his latest creation, parts of the historical kite community apparently hit the panic button.

Historians versus artists.
Original versus modern.
Aluminium versus carbon fibre.
The 1940s versus 2026.

In short: the kite is flying – and tempers are rising.

I have to admit: I find that rather fascinating.

And I rather like what Rainer has done.

Modern Gibson Girl

Erst einmal: Was zum Teufel ist ein Gibson Girl?

Das Gibson Girl gehört zu den faszinierendsten Kapiteln der Drachengeschichte.

Während des Zweiten Weltkriegs gehörte ein zusammenklappbarer Boxdrachen zu einem amerikanischen Seenotfunk-Set. Der Drachen sollte die Antenne des Notfunksenders in die Höhe bringen. Die Flugleine war dabei gleichzeitig die Antenne. Wenn kein ausreichender Wind vorhanden war, konnte alternativ ein Ballon verwendet werden.

Der Name „Gibson Girl“ bezog sich ursprünglich nicht auf den Drachen, sondern auf das charakteristisch taillierte Gehäuse des Funkgeräts BC-778/SCR-578. Seine Form erinnerte an die von Charles Dana Gibson geprägte Darstellung des damaligen weiblichen Schönheitsideals: schmale Taille, ausgeprägte Hüfte – die berühmte Gibson-Girl-Silhouette.

Der Name wanderte später gewissermaßen vom Funkgerät zum gesamten Rettungssystem – und schließlich auch zum dazugehörigen Drachen.

Und dieser Drachen war alles andere als ein Spielzeug.

Er war ein Stück Überlebenstechnik.

First things first: What the hell is a Gibson Girl?

The Gibson Girl is one of the most fascinating chapters in kite history.

During the Second World War, a collapsible box kite formed part of an American emergency radio system. The kite was used to raise the antenna of the emergency transmitter into the air. The flying line itself served as the antenna. If there wasn’t enough wind, a balloon could be used instead.

The name “Gibson Girl” originally referred not to the kite, but to the characteristic waist-shaped casing of the BC-778/SCR-578 emergency transmitter. Its shape was inspired by the female beauty ideal popularised by Charles Dana Gibson: a tiny waist and pronounced hips – the famous Gibson Girl silhouette.

The name somehow migrated from the radio itself to the entire survival system – and eventually to the kite that went with it.

And this was no toy.

It was a piece of survival technology.

gibson girl

Und dann kam Rainer

Rainer Hoffmann ist nun wirklich niemand, der gestern seinen ersten Drachen gebaut hat.

Der gebürtige Husumer beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Drachen, Wind und bewegten Objekten. Die Stadt Husum stellte 2022 sogar eine eigens von ihm entwickelte Ausstellung mit großformatigen Luftobjekten aus.

Und auch seine Karriere als Drachendesigner ist alles andere als unbedeutend: Rund 300 Drachen hatte Hoffmann bereits vor Jahren entworfen, zahlreiche davon gingen in die Serienproduktion.

Rainer kennt also Drachen.
Sehr gut sogar.
Und jetzt hat er sich ein Gibson Girl vorgenommen.

Oder genauer gesagt:
Er hat es eben nicht wirklich vorgenommen.

Er hat es stehen lassen.

And then along came Rainer

Rainer Hoffmann is hardly someone who built his first kite yesterday.

The Husum-based designer has spent decades working with kites, wind and moving structures. His career as a kite designer is anything but insignificant: he has designed hundreds of kites, many of which have gone into serial production.

Rainer knows kites.
Very well, actually.
And now he has taken on a Gibson Girl.

Or, to be more precise:
He hasn’t really taken it on at all.

He left it there.

Modern Gibson Girl

Alt bleibt alt – und bekommt trotzdem Flügel

Das ist für mich der entscheidende Punkt.

Schaut man sich Rainers Konstruktion an, sieht man in der Mitte den historischen Gibson-Girl-Boxdrachen.

Der gelbe Kasten.
Die historische Konstruktion.
Die historische Materialität.
Das Ding, das irgendwann einmal mit einem Flugzeug, einer Rettungsinsel, einem Funkgerät und hoffentlich einem glücklichen Ende verbunden war.

Und dieser historische Kern wurde nicht einfach durch Carbon ersetzt.
Rainer hat ihn nicht auseinandergenommen und gesagt:
„Aluminium ist von gestern. Jetzt machen wir das richtig.“
Nein.
Er hat ihn gelassen.

Und dann hat er ihm etwas hinzugefügt.
Neue Kohlefaserstäbe.
Neue, transparente Segelflächen.
Neue Flügel.
Neue Aerodynamik.
Neue Möglichkeiten.

Das Ergebnis ist deshalb weder ein restauriertes Gibson Girl noch ein neuer Drachen, der nur zufällig ein paar historische Teile spazieren fliegt.
Es ist etwas Drittes.
Ein historischer Drachen mit einer zeitgenössischen Interpretation.

Und genau hier beginnt für mich die interessante Diskussion.

The old stays old – and still gets wings

This, to me, is the crucial point.

Look at Rainer’s construction and you can still clearly see the historic Gibson Girl box kite in the centre.

The yellow box.
The historic construction.
The historic materials.
The thing that once belonged to a piece of wartime survival equipment – hopefully ending in a rescue rather than a recovery.

And that historic core has not simply been replaced with carbon fibre.
Rainer didn’t take it apart and say:
“Aluminium? That’s so yesterday. Let’s do this properly.”
No.
He left it alone.

And then he added something.
New carbon-fibre rods.
New transparent sail material.
New wings.
New aerodynamics.
New possibilities.

The result is therefore neither a restored Gibson Girl nor a completely new kite wearing a few historical accessories.
It is something else.
A historic kite with a contemporary interpretation.

And that, to me, is where the interesting discussion really begins.

Modern Gibson Girl

Original oder originell?

Ich kann die Empörung der Historiker durchaus verstehen.

Wenn ein wirklich seltenes historisches Artefakt verändert wird, ist das nicht banal.
Historische Substanz ist Information.
Material erzählt Geschichte.
Eine originale Aluminiumstrebe, ein altes Stück Stoff, eine Naht, eine Reparatur – all das kann irgendwann wertvoller sein als eine perfekte Reproduktion.

Genau deshalb arbeiten Museen bei historischen Flugzeugen oft mit großer Vorsicht.
Das National Air and Space Museum betont beispielsweise, dass Originalmaterial selbst Teil der historischen Aussage eines Objekts sein kann. Bei Restaurierungen werden deshalb reversible Verfahren bevorzugt.

Das ist richtig.
Absolut.
Aber.
Und jetzt kommt das große Aber.
Daraus folgt doch nicht automatisch, dass historische Dinge für alle Zeiten unangetastet bleiben müssen.
Denn wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten:
Konservieren ist nicht dasselbe wie Kunst.

Original or just original-ish?

I can actually understand the outrage from the historians.

If you are dealing with a genuinely rare historical artefact, changing it is not a trivial matter.
Historical material is information.
Materials tell stories.
An original aluminium strut, a piece of old fabric, a seam, a repair – all of these things can eventually be more valuable than a perfect reproduction.

That is precisely why museums take enormous care when dealing with historic aircraft and other artefacts.

Fair enough.
Absolutely.
But.
And here comes the big but.
That doesn’t automatically mean that historical objects must remain untouched for all eternity.
Because we need to distinguish between two very different things:
Conservation is not the same thing as art.

Modern Gibson Girl

Der Reichstag darf das. Warum der Drachen nicht?

Nehmen wir den Reichstag.
Ein historisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert.
Norman Foster kam nicht mit der Idee:
„Ich restauriere das jetzt so, dass es wieder 1894 aussieht.“
Stattdessen verband er die historische Bausubstanz mit einem radikal modernen High-Tech-Ansatz. Der Bundestag beschreibt ausdrücklich die Verbindung der historischen Architektur mit Fosters High-Tech-Stil.
Stahl.
Glas.
Spiegel.
Moderne Technik.
Eine riesige Glaskuppel.

Und heute?
Die Kuppel ist ein Wahrzeichen des Bundestages.
Niemand steht davor und ruft:
„Das ist aber nicht von 1894!“
Natürlich nicht.

Wir akzeptieren, dass ein historisches Gebäude eine neue Zeitschicht bekommen kann.

The Reichstag gets to do it. Why shouldn’t the kite?

Take the Reichstag in Berlin.
A historic building from the 19th century.
Norman Foster didn’t arrive with the brilliant idea:
“Right. Let’s make this look exactly like 1894 again.”
Instead, he combined the historic fabric of the building with a radically contemporary architectural and technological approach.
Steel.
Glass.
Mirrors.
Modern technology.
A huge glass dome.

And today?
The dome is one of the defining symbols of the German Bundestag.
Nobody stands in front of it shouting:
“But that’s not from 1894!”
Of course not.

We accept that a historic building can acquire a new layer of time.

Oder der Louvre. Da wurde auch erst gemeckert.

Noch schöner ist die Geschichte der Glaspyramide vor dem Louvre.
Als I. M. Pei seine Pyramide in den historischen Louvre setzte, gab es heftige Kontroversen. Gegner befürchteten, der alte Palast würde durch die moderne Architektur unwiederbringlich verändert.

Heute ist die Pyramide eines der Wahrzeichen des Louvre.
Die moderne Ergänzung hat den historischen Louvre nicht ausgelöscht.
Sie ist selbst Geschichte geworden.

Das ist eigentlich ziemlich verrückt.
Vielleicht braucht eine moderne Ergänzung einfach nur genügend Zeit, um irgendwann selbst zum historischen Kulturgut zu werden.

Or the Louvre. People complained there, too.

The story of the glass pyramid at the Louvre is even better.
When I. M. Pei inserted his pyramid into the historic Louvre, the project triggered fierce controversy. Critics feared that the old palace would be irreversibly altered by the modern intervention.

Today, the pyramid is one of the symbols of the Louvre.
The modern addition did not erase the historic Louvre.
It became history itself.

Today, the pyramid is one of the defining landmarks of the Louvre.
The modern addition did not erase the historic Louvre.
It became history itself.

Which is actually rather remarkable.
Perhaps a modern addition simply needs enough time before it, too, becomes part of our cultural heritage.

Und dann ist da noch Kintsugi

Die Japaner haben für eine ähnliche Frage schon vor Jahrhunderten eine bemerkenswerte Antwort gefunden.

Kintsugi.

Ein zerbrochenes Gefäß wird nicht so repariert, dass man hinterher möglichst nichts von der Reparatur sieht.
Die Bruchstelle wird sichtbar gemacht.
Teilweise sogar hervorgehoben.
Die Geschichte des Objekts wird nicht versteckt.
Sie wird Teil des neuen Objekts.

Und vielleicht ist genau das auch der Gedanke hinter Rainers Gibson Girl.
Das Neue versucht nicht, das Alte zu imitieren.
Es versteckt sich nicht.
Es sagt nicht:
„Ich bin ein Original aus dem Zweiten Weltkrieg.“

Es sagt:
„Ich bin das Original – und daneben bin ich etwas Neues.“

And then there is Kintsugi

The Japanese have had a fascinating answer to a similar question for centuries.

Kintsugi.

A broken vessel isn’t repaired so that the repair becomes invisible.
The break is made visible.
Sometimes it is even highlighted.
The object’s history is not hidden.
It becomes part of the new object.

And perhaps that is exactly what is happening with Rainer’s Gibson Girl.
The new parts aren’t pretending to be old.
They aren’t hiding.
They aren’t saying:
“I am an original wartime Gibson Girl.”

They are saying:
“I am the original – and beside it, I am something new.”

Carbon trifft Weltkrieg

Ich gebe zu: Ich mag diesen Kontrast.

Da sitzt mitten im Drachen ein Stück Technikgeschichte.
Gelber Stoff.
Aluminium.
Eine Konstruktion aus einer Zeit, in der Carbonfaser noch Science-Fiction gewesen wäre.
Und außen herum plötzlich dieses fast schwerelos wirkende transparente Material.
Schwarz glänzende Kohlefaser.
Filigrane Flügel.
Es sieht aus, als hätte sich ein Drachen aus den 1940er-Jahren mit einem Raumschiff verabredet.

Und genau deshalb funktioniert es für mich.
Der Gegensatz ist nicht der Fehler. Der Gegensatz ist die Aussage.

Carbon meets World War II

I’ll admit it: I like the contrast.

In the middle of the kite sits a piece of technological history.
Yellow fabric.
Aluminium.
A construction from an era when carbon fibre would have sounded like science fiction.
And around it suddenly appears this almost weightless transparent material.
Black carbon fibre.
Filigree wings.
It looks as if a 1940s kite has arranged a date with a spaceship.

And that’s precisely why it works for me.
The contrast isn’t the design flaw. The contrast is the design.

Modern Gibson Girl

Aber ist das dann noch ein Gibson Girl?

Hier würde ich den Historikern sogar ausdrücklich Recht geben:
Nein!

Wenn man das neue Objekt als originalgetreues Gibson Girl aus dem Zweiten Weltkrieg verkaufen würde, wäre das natürlich etwas völlig anderes.
Aber genau das passiert hier doch gar nicht.
Das historische Objekt bleibt als historischer Kern erkennbar.
Die neuen Teile sind sichtbar neu.

Und damit entsteht eine klare Trennlinie:
Das Original wird nicht versteckt.
Die Veränderung wird nicht versteckt.
Das halte ich für einen entscheidenden Unterschied.


Geschichte ist kein Museum mit Flugverbot

Vielleicht liegt hier überhaupt das Problem.

Wir haben manchmal die merkwürdige Vorstellung, Geschichte müsse aussehen wie Geschichte.
Je älter etwas ist, desto weniger darf es sich verändern.
Ein Oldtimer muss möglichst genau so aussehen und fahren wie damals.
Ein altes Gebäude soll möglichst aussehen wie an seinem ersten Tag.
Ein historischer Drachen soll möglichst exakt so fliegen wie vor 80 Jahren.

Aber warum eigentlich?
Ein Oldtimer, der heute mit modernen Bremsen, Fahrwerk und Motor unterwegs ist, wird deshalb nicht automatisch zum wertlosen Fake.
In der Automobilwelt gibt es dafür längst eine eigene Kultur: Restomod – klassische Form, moderne Technik.
Niemand käme auf die Idee, deshalb sämtliche restaurierten oder modernisierten Klassiker zu verbrennen.

But is it still a Gibson Girl?

Here I would actually agree with the historians:
No.

If someone presented the new object as an untouched, original Second World War Gibson Girl, that would obviously be a completely different matter.
But that isn’t what is happening here.
The historic object remains visible and recognisable as the historic core.
The new components are visibly new.

And that creates a clear dividing line:
The original isn’t hidden.
The intervention isn’t hidden either.
For me, that is the crucial distinction.


History isn’t a museum with a no-fly zone

Perhaps that is where the real problem lies.

We sometimes have this strange idea that history has to look historical.
The older something gets, the less we are apparently allowed to change it.
A classic car must look and drive exactly as it did back then.
An old building should ideally look as if it has never met the 21st century.
A historic kite should fly exactly as it did eighty years ago.

But why?
A classic car fitted with modern brakes, suspension and an updated engine doesn’t automatically become a worthless fake.
The automotive world has long since developed an entire culture around this idea: restomod – classic form, modern technology.
Nobody is suggesting that we should set fire to all restored and modified classics.

CSF 911 restomod at Techno-Classica 2024, Essen

Und die Luftfahrt macht es ebenfalls

Auch dort ist die Sache keineswegs schwarzweiß.
Das Smithsonian beispielsweise hat bei der Restaurierung eines historischen Segelflugzeugs moderne transparente Kunststofffolie eingesetzt. Die Folie war reversibel und ermöglichte gleichzeitig den Blick auf die historische Holzkonstruktion im Inneren.

Das finde ich bemerkenswert.
Denn plötzlich lautet die Frage nicht mehr:
„Originalmaterial oder modernes Material?“
Sondern:
„Was hilft uns, das historische Objekt besser zu verstehen?“

Und genau diese Frage könnte man auch beim Gibson Girl stellen.

Aviation does it too

And aviation is no different.
The Smithsonian, for example, has used modern transparent plastic covering when restoring a historic glider. The material was reversible and, at the same time, allowed the historic wooden structure underneath to remain visible.

That’s rather interesting.
Because suddenly the question is no longer:
“Original material or modern material?”
It becomes:
“What helps us understand the historic object better?”

And that is a perfectly reasonable question to ask about the Gibson Girl too.

Drei Arten, mit Geschichte umzugehen

Vielleicht sollten wir deshalb drei Dinge unterscheiden.

Der Restaurator sagt:

 „Ich möchte erhalten, was war.“
Völlig legitim.

Der Rekonstrukteur sagt:

„Ich möchte zeigen, wie es einmal war.“
Auch legitim.

Der Künstler sagt:

„Ich möchte sehen, was daraus werden kann.“
Und ebenfalls legitim.

Das Problem beginnt erst, wenn wir diese drei Dinge miteinander verwechseln.

Three ways of dealing with history

Perhaps we should therefore distinguish between three different approaches.

The conservator says:

“I want to preserve what was.”
Perfectly legitimate.

The reconstructionist says:

“I want to show what it once looked like.”
Also legitimate.

The artist says:

“I want to see what it could become.”
Also legitimate.

The trouble starts when we confuse the three.

Modern Gibson Girl

Und genau deshalb bin ich bei Rainer

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die historische Drachen sammeln, dokumentieren und bewahren.
Ohne diese Menschen wüssten wir irgendwann gar nicht mehr, wie unsere Drachengeschichte aussah.

Aber ich habe genauso großen Respekt vor jemandem, der sich ein historisches Objekt nimmt und fragt:
„Was passiert, wenn ich daraus weiterdenke?“
Denn eine Kultur, die nur noch bewahrt, wird irgendwann zum Museum.
Eine Kultur, die alles Alte wegwirft, verliert ihre Identität.
Aber eine Kultur, die beides zulässt?
Die lebt!

And that’s exactly why I’m on Rainer’s side

I have enormous respect for people who collect, document and preserve historic kites.
Without them, one day we wouldn’t even know what our kite history looked like.

But I have just as much respect for someone who takes a historic object and asks:
“What happens if I think this forward?”
Because a culture that only preserves eventually becomes a museum.
A culture that throws everything old away loses its identity.
But a culture that allows both?That culture is alive!

Modern Gibson Girl

Darf man Geschichte weiterschreiben?

Vielleicht ist das die eigentliche Frage hinter dem ganzen Streit.

Nicht:
„Darf Rainer Hoffmann einen Gibson Girl verändern?“
Sondern:
„Darf ein Künstler mit Geschichte arbeiten?“

Meine Antwort ist ziemlich eindeutig:
Ja!

Solange er nicht behauptet, das Ergebnis sei das unveränderte Original.
Solange klar bleibt, was historisch ist und was neu.
Und solange das ursprüngliche Objekt nicht dadurch vernichtet wird, dass man daraus eine moderne Interpretation macht.
Denn Geschichte ist schließlich nicht nur das, was hinter uns liegt.
Geschichte ist auch das, was wir daraus machen.

Und vielleicht ist Rainers neuer Drachen genau das:
Ein kleines Stück Vergangenheit, das sich weigert, Vergangenheit zu bleiben.
Der gelbe Kasten erzählt seine Geschichte.
Das Carbon erzählt eine andere.
Und irgendwo dazwischen fliegt ein ziemlich ungewöhnlicher Drachen.

Vielleicht ist das keine Verfälschung von Geschichte.

Vielleicht ist es einfach:
Geschichte mit Rückenwind.

Are we allowed to rewrite history?

Perhaps that is the real question behind the whole argument.

Not:
“Is Rainer Hoffmann allowed to alter a Gibson Girl?”
But:
“Are artists allowed to work with history?”

My answer is pretty straightforward:
Yes!

As long as they don’t pretend the result is the untouched original.
As long as it is clear what is historic and what is new.
And as long as the original object isn’t destroyed simply because someone wants to create a contemporary interpretation.
Because history isn’t only what lies behind us.
History is also what we make of it.

And perhaps that is exactly what Rainer’s new kite is:
A little piece of the past that refuses to remain in the past.
The yellow box tells one story.
The carbon tells another.
And somewhere in between, a rather unusual kite takes flight.

Perhaps that’s not the falsification of history.

Perhaps it is simply:
History with a tailwind.

Modern Gibson Girl
 
 
 

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