Was geht einem gestandenen Drachenflieger wohl zu erst durch den Kopf, wenn der Begriff “Fighter Kite”, Kampfdrachen, fällt? Vor dem geistigen Auge werden wohl Bilder aus Ahmedabad oder einer anderen indischen Stadt vorbeiziehen, mit Millionen von Menschen auf ihren Hausdächern, die mit billigen Kampfdrachen aus Bambus und Papier gegen einander antreten. Würde einem aber auch Kunstwerke in den Sinn kommen? Wohl eher nicht. Aber genau hierum soll es an dieser Stelle gehen – Fighter Kites, die zwar industriell hergestellt werden, aber dennoch eine gewisse künstlerische Ader nicht verleugnen können.

Joseph P. Vaughan, oder auch nur kurz Joe, wurde im Mai 1930 in Brooklyn, New York, als viertes von insgesamt sechs Kindern geboren. Die Zeiten waren hart, die USA befanden sich in einer tiefen Wirtschaftskrise und zudem glänzte sein Vater mehr oder weniger durch Abwesenheit. Es verwundert nicht weiter, dass Joe wenig Interesse an der Schule zeigte und diese im Alter von 16 erst einmal verliess. Nein, das ist nicht der Start jener typischen Geschichten von Kindern, die auf die schräge Bahn geraten. Ganz im Gegenteil. Am Ende seines Studiums konnte Joseph Vaughan sowohl auf einen Bachelor in Biologie als auch auf einen Master samt Doktortitel in Pädagogik blicken. In den nächsten Jahrzehnten unterrichte Joe in den Fächern Biologie, Meeresbiologie, Anatomie und Physiologie und erwarb sich dabei den grössten Respekt seiner Studenten. Als Vaughan 1986 pensioniert wurde, war dies alles andere als das Ende seines Arbeitslebens. Joe startete nochmals so richtig durch, diesmal jedoch als professioneller Drachenflieger. Er kaufte das Label “Grandmaster Kites” und entwickelte hierfür seine eigene Interpretation von Kampfdrachen. Nicht dass Joe sonderlich an Kämpfen interessiert gewesen wäre, nein, ihn faszinierte mehr das Spiel mit leichten Drachen, deren Tanz an der geführten Leine, das wilde Spiel zwischen den einzelnen Drachen in der Luft und nicht zuletzt die Möglichkeit diese Drachen auch Indoor zu fliegen. Schnell machte die Neuigkeit in der Drachenszene die Runde, dass da ein ganz besonders  rüstiger Rentner die Kampfdrachen aufmischte. Joe wurde vermehrt zu Drachenfesten im In- und Ausland eingeladen, was zusätzlich seinen Bekanntheitsgrads steigerte. Als Grandmaster-Joe tingelte er fortan über das Land, immer bereit seine kleinen Freunde in die Luft steigen zu lassen und seine Freude an ihnen mit anderen zu teilen. Alleine als Geschäftsmann vermochte Joe nicht den rechten Durchbruch zu erzielen. Seine Tochter erzählte einmal schmunzelnd, dass Joseph bei weiten mehr Drachen verschenkt als er denn verkaufen würde. Macht nichts, mag sich Joe gedacht haben, dafür vermittele ich die Freude und den Spass des Drachenfliegens an die nächste Generation.

Das Portfolio von Grandmaster Kites ist überschaubar. Es zählt insgesamt 25 Kampfdrachen in unterschiedlichen Designvarianten, aufgeteilt in die beiden Kategorien Competition und Fast. Letztgenannte Serie ist für Anfänger geeignet, während die erste, Competition Serie sich an den geübten Piloten richtete. Alle Drachen weissen dabei die gleiche Grösse auf, nämlich eine Höhe von 60 Zentimetern und eine Spannweite von 74 Zentimetern. Die Nase des Fighters ist, dank des Längsstabes aus Bambus, zur Leeseite hin gebogen. Die Querspreize besteht aus flexiblen Glasfaber wobei sich die Dicke des Stabes nach der Version Competion oder Fast richtet. Das Einsteigermodell verfügt daher über einen biegsameren Stab, der den Drachen einen stabileren Flug verleiht – soweit man bei einem Kampfdrachen von stabilen Flug reden kann. Das Segel der Grandmaster Drachen ist aus Folie gefertigt, die in den besagten 25 Designvarianten bedruckt wurde.

Doch dem nicht genug, Joe´s Herz und Einfühlungsvermögen insbesondere den Neulingen in der Kampfdrachenszene gegenüber zeigte sich auch in einer weiteren Besonderheit der Grandmaster Kites. Jedem Drachen lag nämlich eine wirklich sehr ausführliche Anleitung zum Thema Kampfdrachenfliegen im Allgemeinen und den Grandmaster Kites im Speziellen bei. Joe kann (und will wohl auch nicht) seine Herkunft als Hochschullehrer verbergen.

Übrigens: wem der Einsteigerdrachen immer noch zu schnell über den Himmel sauste, für den hatte Joe noch ein weiteres Hilfsmittel parat: jedem Drachen liegt ein Schwanz bei, der gegebenenfalls montiert werden kann.

Heute ist Grandmaster Kite leider Geschichte, die Kampfdrachen werden nicht mehr produziert und sind nur noch in Gebrauchtwarenbörsen erhältlich. Sie sind aber ganz gewiss ein Teil unserer Drachengeschichte und insbesondere der kreative Geist hinter Grandmaster Kites, Joe Vaughan, ist eine unglaublich faszinierende Persönlichkeit.

Joseph P. Vaughan schlief am 15. Januar 2016 ruhig im Kreise seiner Lieben ein.

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