Stelle Dir einmal vor es Drachenfest – und der Wind bleibt aus. Welch eine mittlere Katastrophe für einen jeden Drachenfest Organisator. Und je grösser das Fest, je grösser das Risiko. Sprechen wir dann von einem Drachenfest, das im letzten Jahr 75.000 Besucher angezogen hat, so können wir  kaum die Sorgenfalten auf der Stirn der Organisation ermessen.

Die Rede ist von Festival der Riesendrachen auf dem ehemaligen Flugfeld Berlin Tempelhof. Dieses Drachenspektakel, das im letzten Jahr wie gesagt über 70.000 Besucher in seinen Bann gezogen hat, fand in diesem Jahr Anfang September zum nunmehr fünften Male statt. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Berliner Himmel herab und obwohl längst vorbei, so grüsste der ansonsten ausgebliebene Sommer mit satten 30 Grad – im Schatten. Und dann der Super GAU für jeden Drachenverantwortlichen: bis zur Mittagsstunde wehte ein laues Lüftchen, dann gab es für den Rest des Tages nur noch Ablösungen und somit kurze Windstösse aus unterschiedlichen Richtungen. An das Fliegen von Drachen, noch dazu das Fliegen von stablosen Grossdrachen, war hierbei nicht zu denken.

Was bei einem kleinen Fest auf der Dorfwiese schon sehr ärgerlich ist, erstreckt sich in diesem Fall in ganz andere Dimensionen. “Stadt und Land”, eine kommunale Wohnungsbau Gesellschaft, die über 40.000 Wohnungen in und um der Hauptstadt verwaltet, steht als Organisator der Veranstalter in vorderster Front. Das drachentechnische Know How wird zudem vom Uwe Schwettmann und seiner Crew von Kultur Nord beigesteuert. Dieses Duo hat also immense Arbeitsstunden darin investiert Genehmigungen einzuholen, Behörden unter einander zu koordinieren, Sicherheitsbedenken auszuräumen und eine Infrastruktur für einen Mega Event zu etablieren. Dass dann just an dem Tag, an dem all diese Anstrengungen und Bemühungen in einer Explosion von Farben und Formen am Berliner Himmel münden sollen, der Wind ausbleibt, ist schon mehr als ärgerlich.

Dennoch, Kultur Nord ist es gelungen eine Gruppe von Drachenfliegen aus den Niederlanden, Russland, Österreich, Dänemark und Deutschland ein zu landen, die ihr Bestes taten um dem Publikum eine gute Show bieten zu können. So wurde zunächst einmal die Wiese neu verkabelt und entlang der Publikumswege eine Armada von Gebläsen aufgestellt. Hier wurden die stablosen Drachen, die eigentlich in die Luft gelassen werden sollten, eben mittels elektrischer Luft aufgeblasen und dem Publikum präsentiert. Bernd von Ahnen präsentierte so seinen R2D2 in XXL Format. Ist dieser kleine, knuffelige Roboter aus der Star Wars Saga im Film eine recht überschaubare Erscheinung, so wuchs der kleine Freund unter Bernds Nähmaschine zu einem richtigen Giganten heran. Dies wird insbesondere dann ersichtlich, wenn der Drachen eben nicht in der Luft ist, sondern direkt neben den Betrachter aufgeblasen wird. Apropos gigantische Dimensionen: auch Europas grösster Drachen, der Manta Ray fand seinen Weg in die deutsche Hauptstadt. Ein einziges Mal erhob er sich auch für einen kurzen Augenblick in die Lüfte, fristete dann aber leider ein Dasein als Auslegware auf der Tempelhofer Wiese. Eher unbemerkt und am Rand platziert war eine Skulptur von Detlef Banier. Letzterer hätte, würde er noch unter uns weilen,  an der Parade der aufgeblasenen Teddybären, Drachen, Zwergen und sonstigen Skulpturen seine wahre Freude gehabt. Nirgends waren wohl so viele Quadratmeter Stoff aufgeblasen wie in diesem Jahr auf Tempelhof. Not macht eben doch erfinderisch. Oder ungeduldig. Denn gegen Abend wollten es die Drachenflieger dann noch einmal wissen. Der Wind lies zwar immer noch auf sich warten, aber wenn der Wind fehlt muss dies eben mit Muskelkraft wettgemacht werden. Ein um der andere Drachen wurde mit einem Gebläse mit Luft gefüllt und dann mittels schnell rennenden Eigentümer und einen Lifterdrachen in die Luft gebracht. Respekt, Jungs, vor dieser Leistung, schliesslich hat der Sommer nochmals so richtig aufgedreht, die Luft stand dick und heiss über dem Platz und Ihr habt Euch für das Publikum die Lunge aus dem Leib gerannt. Eine super Aktion!

Selbst der riesige 30 Meter lange Lynn Blauwahl der Cuxis kam so mit Muskelkraft in die Luft.

Und noch ein guter, alter Bekannter schnupperte “per pedes” die berühmte Berliner Luft: Elliot das Schmunzelmonster ist wieder da! Pünktlich zum Filmstart hat Disney niemand geringeren als Rolf Zimmermann mit dem Bau des freundlichen Kuscheldrachens beauftragt. Rolf liess es sich natürlich nicht nehmen sein neuestes Meisterwerk mit nach Berlin zu bringen und einem breiten Publikum vorzuführen. Übrigens: die Geschichte, die hinter Elliot und dem Bau durch Rolf Zimmermann steht ist wahrlich interessant und wir werden diese in der kommenden Ausgabe der KITE&friends nochmals vertiefend aufgreifen.

“Festival der Riesendrachen” hört sich im ersten Moment erst einmal nach einem Sammelsurium von grossen, aufblasbaren, stablosen, Drachen an. Und dies ist es auch gewiss, gibt sich doch die europäische Elite der stablosen Fraktion ein Stelldichein auf Tempelhof. Im Rahmenprogramm gibt es aber noch ganz andere Leckerbissen zu sehen. Die Lenkdrachen Fraktion wurde beispielsweise durch das russische Team “Red Star” vertreten und im Ausstellungsbereich des Festes war auch in diesem Jahr wieder, quasi als Kontrastprogramm für die Riesen auf der Wiese, die Mini Drachen Ausstellung mit Workshop vertreten.

Trotz mangelndem Wind verlief die Veranstaltung wie am Schnürchen und alle Beteiligten taten ihr Bestes um den Publikum eine gute Show bieten zu können. Dass diese Show noch recht spannend werden sollte, ja, zu einem richtigen Krimi mit Polizeieinsatz ausarten sollte, war zwar nicht geplant, geschah aber dennoch. Mit dem Ergebnis, dass einigen Drachenbauern der Schrecken im Gesicht stand und der Orga das Herz in die Hose rutschte. Auslösender Faktor war eine grosse, acht Meter umfassende, Heissluft – Skulptur. Ein solches Gebilde ist ein Zwischending aus stablosem Grossdrachen und Heissluftballon. D.h. die Skulptur wird wie bei einem Drachen mit Luft befüllt, die dann mittels Brenner angewärmt wird und die Figur in die Luft erhebt. Halteleinen halten dann den Drachen / Ballon zu Freuden der Betrachter am Boden. Insbesondere bei Windstille sind diese Heissluftfiguren ein wundervolles Mittel dem Publikum eine gute Show bieten zu können. Gesagt getan, eine solche Figur erfreute also auch in Berlin die Anwesenden – bis sich ihr Besitzer entschied die warme Luft abzulassen und die Heissluftfigur zu landen. In diesem Moment riss die Leinenaufhängung am oberen Ende aus und die ehemals gefesselte Figur verwandelte sich in Sekundenschnelle in einen Heissluftballon. Das mag im ersten Moment noch recht witzig klingen, aber spätestens mit auftauchen der Staatsmacht war der spassige Moment vorbei. Der Heissluftballon stieg, dank des Auftriebes der heissen Luft in seinem Inneren, auf grosse Höhe – und das just in Mitten der beiden aktiven Flughäfen Tegel und Schönefeld. Als der Ballon dann auf den Sperrbezirk von Berlin Mitte zutrieb, tauchte ein Polizeihubschrauber auf und der Luftraum über der Hauptstadt wurde kurzfristig gesperrt. Nach weiteren 15 Minuten hatte der Spuk dann ein Ende, die Luft im Inneren des Ballons war soweit abgekühlt, dass er endlich zu sinken begann und friedlich in einem Innenhof eines Häuserkomplexes zu liegen kam. Zum Glück wurde niemand verletzt, die abtrünnige Heissluftfigur wurde aber dennoch von der Polizei beschlagnahmt und zu einer übergeordneten Behörde nach Hannover weitergeleitet. Bei Redaktionsschluss war der Ausgang des Spektakels noch nicht bekannt, wir werden Euch aber auf dem Laufenden halten.

Alles in allem, war das 5. Festival der Riesendrachen wieder ein voller Erfolg. 50.000 Besucher fanden ihren Weg auf das Flugfeld von Tempelhof, die Drachenflieger arbeiteten hart für eine gute Show und wurden zum Abschluss eines langen Tages mit einem kleinen Feuerwerk belohnt. Bleibt zu hoffen, dass im nächsten Jahr die Wettergötter für ein wenig mehr Wind sorgen, und die Drachen dann brav an ihrem Ankerpunkt verbleiben.

KF_0616_Tempelhof

Hinterlassen Sie eine Antwort

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie Ihren Namen ein